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Winziges fürs All

Der Südwesten spielt in der Branche eine wichtige Rolle. Jetzt treffen sich 100 Vertreter von Hightech-Schmieden.

THOMAS VEITINGER |

Wir kennen die Atome beim Vornamen.“ Das klingt ein wenig großspurig, selbst wenn man nicht versteht, um was es geht. Doch Norbert Plogmann dürfte Recht haben. Der Geschäftsführer des Halbleiter- und Komponentenherstellers UMS in Ulm beschäftigt sich mit Strukturen in der Größe einzelnen Atomen. Entsprechend leicht sind die Produkte mit 0,002 Gramm – und so teuer wie Diamanten.

Hochfrequenz-Bauteile heißt das Geschäft des Gemeinschaftsunternehmens von Thales und Airbus. Für drahtlose Kommunikation werden Signale erzeugt, verstärkt, abgestrahlt und empfangen. Zum Einsatz kommen sie etwa in Satelliten, bei denen es im wahrsten Sinne des Wortes auf jedes Gramm ankommt. „Wir brauchen für unsere Produkte keinen Gabelstapler“, sagt Plogmann lächelnd. Ein schwarzes Bauteil ohne seine Hülle ist nur so groß wie ein kleiner Teil des Nagels eines kleinen Fingers. „Wir können selbst Millionenwerte locker per Hand tragen.“

Weil Komponenten aus den USA erst Jahre nach ihrer Fertigstellung zu kaufen waren, wurde UMS 1996 mit Sitz in Ulm und im französischen Villebon gegründet. Mit 422 Mitarbeitern erzielte das Unternehmen im vergangenen Jahr einen Umsatz von 93 Mio. €, die Profitabilität wurde bereits 2003 erreicht.

Eingesetzt werden die Teile etwa in Radargeräten, bei der Erdbeobachtung, Satelliten-Kommunikation und in naturwissenschaftlichen Missionen. Aus dem Weltraum lassen sich Staus auf Autobahnen oder durch Aschewolken hindurch ausgebrochene Vulkane beobachten. Aber auch in Autos sind die Komponenten zu finden, etwa in Spurhalte- und Abstandsassistenten und im automatisierten Fahren.

„Unsere Bauteile müssen absolut zuverlässig sein, weil ein Ausfall im schlimmsten Fall das Aus für den Satelliten bedeutet“, sagt Klaus Beilenhoff, Teamleiter im Bereich Forschung und Entwicklung. Ein Satellit sei nur so etwas wie ein Gestell, auf das Geräte montiert sind. Vor allem die so genannte kosmische Strahlung macht der Elektronik zu schaffen. Einen größeren Satelliten ins All zu schießen kostet mehrere Hundert Millionen Euro.

In Europa gibt es zwei weitere Firmen, die ähnliche Produkte herstellen. Harter Wettbewerb herrsche aber nicht. „Jeder findet hier sein Nische“, sagt Beilenhoff. Es gebe immer wieder neue Unternehmen. Aber die Ulmer Fabrik, in der Wafer als Grundlage für die Produktion in so genannten Reinsträumen entstehen, koste mehr als 100 Mio. €. Viel Geld für Neulinge. Das Wissen zur Produktion der „kleinen Krümel“ (Plogmann) lässt sich auch nicht einfach zusammenkaufen.

Andererseits sei man wiederum zu klein, um im Konzern von Thales und Airbus groß aufzufallen. „Wir fliegen unter dem Radar von Airbus-Chef Tom Enders“, sagt der Geschäftsführer. An eine Verlagerung ins Ausland werde nicht gedacht, die Kunden wollten keinen Know-how-Abfluss riskieren.

UMS wird am 17. und 18. April in Ulm eine Bauteilekonferenz mit rund 140 Vertretern von Unternehmen der deutschen Raumfahrtindustrie ausrichten. Veranstalter ist das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Bei der nichtöffentlichen Veranstaltung im Stadthaus sind Vorträge über neueste Entwicklungen im Vordergrund zu sehen. Die technologischen Hauptkonkurrenten sitzen in den USA und seien in der Entwicklung führend, „wir sind aber knapp dahinter“, sagt Beilenhoff.

Die europäische und vor allem die deutsche Raumfahrtindustrie muss sich nicht hinter der Branche jenseits des Atlantiks verstecken. In Baden-Württemberg erwirtschaften mehr als 15 000 Beschäftigte einen Umsatz von mehr als 4,8 Mrd. €, teilt der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) mit. Mehr als 40 Prozent der Beschäftigten der deutschen Raumfahrtindustrie arbeiten im Südwesten. Besondere Schwerpunkte liegen in der Raumfahrt, in elektrischen und elektronischen Systemen (Avionik), Radartechnik sowie der Kabinenausstattung von Verkehrsflugzeugen. Unternehmen wie Airbus, Thales, Tesat, Diehl und Recaro sowie viele kleine und mittlere Unternehmen entwickeln und produzieren laut BDLI in Baden-Württemberg.

Die Auslastung bei UMS in Ulm ist im Dreischichtbetrieb hoch. Der Arbeitsmarkt sei laut Beilenhoff „am Limit“. Dennoch sei mit einer Expansion nicht zu rechnen. Plogmann: „Unsere Branche ist ein wenig so wie eine einzige große Familie.“

Touristen ins All

Früher war Raumfahrt vor allem staatliche Sache. Doch nun wollen immer mehr private Firmen ins All – oder waren schon dort. Darunter drei Schwerreiche: Jeff Bezos (Amazon), Richard Branson (Virgin) und Elon Musk (Tesla). Musks Space-X hat schon mehrfach Fracht zur ISS gebracht. Bezos und Branson wollen bald erstmals Touristen nach oben schießen. Aber auch viele Start-ups haben sich in der Branche gegründet. Weit mehr als 1000 junge Unternehmen sollen an hochfliegenden Plänen arbeiten. 2016 lag der Umsatz in der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie bei 37,5 Mrd. €. In diesem Jahr waren 108 000 Menschen hierzulande in der Branche beschäftigt. vt

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