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Tanzabend „Recortes/Acqua“ am Theater Ulm: Abstrakt, assoziativ, aber ansprechend

Vom Erinnern erzählt sowohl Roberto Scafati in „Acqua“ als auch Gastchoreograf Gustavo Ramírez Sansano in „Recortes“. Das Premierenpublikum bejubelt beide Stücke im Großen Haus des Theaters Ulm.

CLAUDIA REICHERTER |

Am Anfang war der Espresso. Und die Frage, warum der in Neapel besser schmeckt als anderswo. Wenn Roberto Scafati das erzählt, sagt er nicht Neapel, sondern – mit schwelgerischer Betonung auf der ersten Silbe – „Naapoli“. Denn der 52-Jährige lebt zwar seit mehr als 20 Jahren in Ulm , stammt aber aus Rom und hatte sein erstes Engagement als Tänzer einst am Teatro San Carlo in Neapel. Also dort, wo es den besten Espresso gibt. Warum gerade da? Sein Vater antwortete darauf stets: „Das Wasser ist anders.“ Das fiel Scafati wieder ein, als er den ersten Ballettabend seiner letzten Saison am Theater Ulm vorbereitete,  wo er seit 1994 vom Solotänzer über den Trainingsleiter zum Compagniechef avancierte. Er machte sich daraufhin mit seiner Frau ans Espressi-Testen. Und ans Googeln.

Dabei stieß er auf ein Video über den Stuttgarter „Wasserforscher“ Bernd Helmut Kröplin, das ihn sprachlos machte. „Was wir trinken, ist tot“, erfuhr Scafati da, „durch Filter und Rohre, übrig bleibt nur Flüssigkeit“. Dabei sei Wasser eigentlich das beste Antibiotikum.   Kröplin ließ H2O von unterschiedlichen Personen unter identischen Bedingungen auf Objektträger tröpfeln. Die getrockneten Tropfen sehen unter dem Mikroskop bei jedem Probanden gleich und völlig anders als bei den anderen aus. Sie ergeben ästhetisch reizvolle Strukturen. Und führen den Luft- und Raumfahrtprofessor zur umstrittenen These, die Energien dessen, der oder die oder das das Wasser umgibt, nähmen darauf jeweils Einfluss. Wasser habe ein Gedächtnis, die Weltmeere seien riesige Informationsspeicher und Regen ein Informationsvermittler. Bei Scafati, der sich gern mit wissenschaftlichen wie auch spirituellen Themen auseinandersetzt, wird daraus das Ballett „Acqua“, das am Donnerstag im Großen Haus Uraufführung hatte.

Auf alle Sinne

Komponist Jürgen Grözinger hat dazu die Musik geschrieben, die er zusammen mit Violinist Georges-Emmanuel Schneider mal bluesig-treibend, mal folkloristisch-melodiös, mal unheimlich kreischend wie der Filmscore zu einem Thriller-Finale, unterstützt von elektronischen Loops, live spielt. Seine Ausrüstung mit mannigfaltigen Gongs, Becken, Klangstäben, Marimba und dazu wechselnde Projektionen von Kröplins Tropfenaufnahmen, die die sieben Szenen voneinander absetzen, begrenzen die Bühne.

Ein abstrakter Stoff ohne identifizierbare Handlung oder festgelegte Rollen, und dann auch noch auf experimentelle Musik, ist nicht leicht zu vermitteln. Das weiß Scafati natürlich. Und so arbeitet der Compagniechef und Choreograf in „Acqua“ wie schon vor einem Jahr bei „Klang: Ich und Es“ mit schönen, originellen, abwechslungsreichen Bildern, die auf alle Sinne wirken. Ohne in dem Saal für rund 800 Besucher allerdings so ganz die Intensität des Podiums-Stücks zu erreichen.

Los geht es mit den zehn Tänzern der Compagnie, die in fließenden Unisex-Glitzeroberteilen und schwarzen Hosen (Kostüme: Rosa Ana Chanza) an der durch Vorhangschienen weit abgesenkten Decke hängen und sich nach und nach in den Bühnennebel plumpsen lassen. Wie Wassertropfen. Später werden sie zum menschlichen Wasserfall in den Orchestergraben – und fahren aus diesem mit gläsernen Wasserschalen wieder empor. Spots von oben, die das durchsichtige Lebenselixir zum Leuchten bringen, ergeben reizvolle Effekte.

Da wird der Tanz, erst roboterhaft, später fließend-wabernd und schließlich molekular quirlig, in ständig wechselnden Formationen fast zur Nebensache. Dennoch: Die Choreografie passt. Das Stück fasziniert zunehmend. Bis zum spaßigen Slapstick mit den neuen Tänzern Giorgio Strano und Chiara Rontini sowie Leila Bakhtali, die die erkrankte Julia Anna Sattler vertritt.

Nur der finale Paukenschlag, der fehlt. Nach Bogdan Muresans und Ceren Yavan-Wagners herausragendem Schlidder-Pas-de-deux auf Grözingers nun gar nicht mehr eingängige, frei improvisierte Klänge im strömenden Regen plätschert die Schlusssequenz allzu rasch und unspektakulär vorbei. Dennoch spendet das Premierenpublikum „Acqua“ stehend Ovationen.

Verwandtes Thema, anderer Stil

Zuvor gibt es an diesem Tanzabend „Recortes“ von Gustavo Ramírez Sansano zu sehen. Als abendfüllendes Tanztheater hatte der spanische Choreograf, der schon in der vorigen Spielzeit als Gast am Theater Ulm begeisterte, diesen Lebens- und Schaffensrückblick im Januar in Münster gezeigt. Für Ulm hat er das assoziative Stück auf eine halbe Stunde gekürzt. Als Prelude zu „Acqua“ nimmt es das Thema „Gedächtnis“ schon mal vorweg.

Doch die Tanzsprache des einstigen Nederlands-Dans- und Naharin-Tänzers bildet einen Kontrast zu Scafatis Stil. Mal ultraschnell, mal fast in Zeitlupe, aber stets äußerst präzise choreografiert er seine zum Teil angenehm leichtherzigen Szenen in Luis Crespo Porteros wirkungsvollem Schwarz-Weiß-Dekor.

Noch 13 Aufführungen bis März 2018

Termine Der Tanzabend „Recortes/Acqua“ im Großen Haus des Theaters Ulm ist erneut zu sehen am kommenden Mittwoch und Freitag, jeweils um 20 Uhr, sowie am 3., 5., 9., 16., 25. und 29. Dezember, am 17., 25. und 26. Januar – Beginn jeweils 20 Uhr, außer an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen um 19 Uhr – am 4. Februar, 14 Uhr, und letztmals am 3. März, 19.30 Uhr.

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