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Bilderstreit ums Münster

Was darf eine Band als Illustration verwenden und was nicht? Die Musiker von Pornophon müssen Plakate abhängen und Plattencover überkleben.

CLAUDIA REICHERTER |

Von einem Tag auf den andern waren die schwarz-rot-weißen Konzert-Plakate aus dem Stadtbild verschwunden. Pornophon-Sänger  und -Shouter Bernhard Seidt rief die an die Medien verteilten Promo-Platten zurück und bat darum, das Cover nicht für Besprechungen zu verwenden. Was war passiert? „Wir dürfen das Motiv nicht verwenden“, erklärt der Texter der Ulmer Punk-Band. Darauf habe der Dekan hingewiesen, denn es zeigte ein Bild aus dem Münster. Sonst drohten rechtliche Konsequenzen. Eine späte Bestätigung des Titels ihrer frühen Eigenveröffentlichung „God Hates Pornophon“?

Keineswegs. Doch die seit Jahren zuverlässig in der regionalen Szene präsenten, über Tourneen bis hinauf ins schottische Aberdeen bekannten, jedoch keinesfalls zu den Großverdienern zählenden Musiker waren alarmiert.

„Das hörte sich erstmal schrecklich an“, sagt Seidt, der als Künstler Plakate wie Cover mit dem im Münster fotografierten Bild gestaltet hatte. Zumal er weiß und mit Nachdruck betont: „Ich bin da im Unrecht.“ Als Fan des Ulmer Münsters habe ihn das Bild an einer Säule fasziniert. Ein Münsterführer erklärte, es zeige die Ausdärmung eines frühen Bibelübersetzers. Das passte seiner Meinung nach zum Albumtitel „Propheten“. „Ich verwendete es aus der Haltung heraus zu zeigen, was Menschen mit Religion anstellen“ – nicht mit dem Ziel, sich dadurch strafbar zu machen.

Über Urheberrechte hatte er sich durchaus Gedanken  gemacht. „Aber bei einem ein paar hundert Jahre alten Bild dachte ich nicht, dass da noch einer Rechte dran hat.“ Jetzt weiß er es besser: „Es geht nicht ums Urheber- sondern ums sogenannte Besitzrecht.“

Am besten weiß es Ernst-Wilhelm Gohl. Der Dekan hat für die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Ulm schon vor Jahren klären lassen, ob Münster-Bilder gewerblich genutzt werden dürfen. Die Rechtslage sei kompliziert, in diesem Fall aber doch eindeutig: „Innenaufnahmen sind aufgrund des Eigentums- und Hausrechtes immer nur mit Zustimmung des Eigentümers möglich.“ An allen Eingängen weisen deshalb Stelen auf das Fotografierverbot hin.

Foto-Verbot im Innern

„Ohne diese  Genehmigung dürfen die Fotos nicht veröffentlicht werden.“ Streng genommen nicht mal privat, auf Instagram oder Facebook. Das zu verfolgen sei natürlich schwer, auch wenn es darauf spezialisierte Anwälte gebe. Weil „man das als Laie nicht wissen kann“, sei die Sache mit Pornophon für ihn nun aber gegessen. Sollte ein Plakat noch einen Tag länger hängen, drücke die Gemeinde ein Auge zu.

Seidt und Kollegen jedoch zeigten sich reuig und reagierten umgehend. Angefangen damit, dass das Motiv von der Website verschwand. Plakate einstampfen und Plattencover überkleben, das kostet wohl einige hundert Euro. Aber eine Anzeige oder gar ein Prozess blieb der Band so erspart.

„Puh, schwieriges Thema“, meint der Vöhringer Punkrocker Oliver Kast. Auch er hätte wie Musikerkollege Florian Kiesling von Van Holzen angenommen, dass ein Foto von einem so alten Bild unproblematisch sei. Seine Band Sick of Society setze bei Plattencovern meist auf „eigene Geschichten“, sei aber bezüglich Bildrechten auch eher blauäugig. Zumal „sich die Relevanz unserer Veröffentlichungen unterhalb der kommerziellen Grasnabe befindet“.

„Aus Musikersicht hat man mit solchen Fragen meist erst zu tun, wenn es schon zu spät ist“, sagt Tobias „Bobbes“ Schmid von der Popbastion. Der Fall sei selten, doch interessant. Spezielle Kurse bietet die regionale Musiker-Nachwuchs-Förderung zu solchen Fragen bisher nicht an. Spontan fällt ihm in Sachen Urheberrecht die Band Benzin ein, mit der Pornophon 2004 beim Prohapop-Festival in Altenstadt spielte. Die mussste ihren einstigen Namen Uncle Benz auf Druck eines US-Reiskonzerns ändern. Aus seiner Erfahrung als Band-Coach findet er Dekan Gohls Reaktion cool. „Da kann man auch ganz anders reinlaufen.“

Die Genehmigung nachträglich einzuholen, schien Seidt aussichtslos. Deshalb habe er gar nicht erst gefragt. Grundsätzlich wäre das möglich, sagt Gohl. Aber in diesem Fall hätte die Gemeinde die Erlaubnis wohl nicht erteilt. „Mit diesem Bild zu werben, ist bisle schwierig.“ Das zeigt eine gräusliche mittelalterliche Folterszene. Mehr noch stößt er sich aber an der Verbindung dieses Bildes mit dem Bandnamen.

Zwei Konzerte am heutigen Record Store Day

Release-Party „Seit 20 Jahren geht hier nichts vorwärts. 20 Jahre Kiste Bier als Gage, 20 Jahre mehr Konzerte ohne als mit Bühne, 20 Jahre Pennplatz kannste vergessen. Juckt uns das? Nö. Gefällt uns so“, schreiben Pornophon zum runden Band-Geburtstag. Zuletzt ging aber durchaus etwas voran: Der 1998 gegründete Hardcore/Punk-Vierer, bestehend aus Goali (dr), Dr. Gonzo (b), Digger (git) und Banne alias Bernhard Seidt am Mikro, nahm die elf Songs der neuen Platte „Propheten“ im Herbst 2017 in den Klangbad-Studios von Krautrocklegende Hans Joachim Irmler in Scheer auf. Gefeiert wird die Vinyl- und Download-Veröffentlichung heute zum Record-Store-Day im Plattenladen Sound Circus (15 Uhr) und mit der Ulmer Crustcore-Band Dekonstrukt im Schilli (21 Uhr).

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