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Amokalarm: SEK stürmt List-Schule

Ausnahmezustand in der Innenstadt: Eine Fehlwarnung löste gestern einen Polizeieinsatz sondergleichen aus. Erst nach mehr als zwei Stunden gab es Entwarnung.

VON CHRISTOPH ... |

Es ist der Eltern-Alptraum schlechthin: „Bei uns ist Amokalarm. Wir sind im Klassenzimmer eingeschlossen. Mama ich liebe Dich. Danke für alles. “ Per WhatsApp ging diese Nachricht gestern Mittag bei der Mutter einer Schülerin der List-Schule ein.  „Ich hab’ mich panisch ins Auto gesetzt und bin von Buch (bei Illertissen, Anm. d. Red) nach Ulm gerast“, erzählt die auf dem Schulhof stehende Mutter gut zwei Stunden später. Wenige Minuten zuvor hat sich der Alarm als Fehlalarm entpuppt, die Schüler verlassen nach und nach die Klassenräume und versammeln sich auf dem Kornhausplatz. Tochter Laras Lippen zittern, ihre Mutter schließt den Teenager in die Arme. Der Schock steht dem Mädchen nach Stunden der Ungewissheit ins Gesicht geschrieben, Tränen laufen über ihre Wangen. „Mama, bitte, ich will so schnell wie möglich weg von hier.“

Im Umfeld der 3000 Schüler zählenden Friedrich-List-Schule hatten sich zwischen 12.20 und 14.20 Uhr dramatische Szenen abgespielt, die an einen Anti-Terror-Einsatz höchster Stufe erinnerten und Schlimmstes befürchten ließen. Zunächst waren es nur etwa ein Dutzend behelmte und mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizeikräfte aus Ulm, die sich um das berufliche Schulzentrum mit Gymnasium postierten, während das Areal drumherum sukzessive mit rot-weißen Bändern abgesperrt wurde.

Dramatische Szenen

Quasi im Minutentakt traf dann Verstärkung ein. Polizeibeamte des Sondereinsatzkommandos  (SEK) aus Göppingen, Kollegen aus Bayern, zivile Limousinen sowie Mannschaftswagen mit Kennzeichen aus Heilbronn, Stuttgart und Böblingen, in denen mit Sturmhauben vermummte Spezialeinheiten saßen. Am Himmel kreiste außerdem ein Polizeihubschrauber. Alles in allem waren mehr als 200 Polizisten im Einsatz. Vorsorglich hatten mehrere Rettungs- und Notarztwagen im Hafenbad Stellung bezogen. Hunderte Passanten und Schaulustige verfolgten derweil das Geschehen und filmten teils den Großeinsatz mit ihren Handys.

In der Nähe versammelten sich auch viele List-Schüler, die gerade noch aus dem Gebäude herausgekommen waren – auch unter kuriosen Umständen. So erzählte ein Schüler, er sei gerade auf der Toilette gewesen, als der Alarm einging. Als er zurückkehrte, hatten sich seine Mitschüler im Klassenzimmer eingeschlossen und ließen ihn nicht mehr herein: weil er ja von einem Amokläufer mit vorgehaltener Waffe gezwungen worden sein könnte.

Er erhielt dann Handy-Bilder seiner Klassenkameraden des von innen verbarrikadierten Zimmers. Für ihn war der vermeintliche Amoklauf sogar wie eine Art „Déja-Vu“, weil er bereits den technischen Fehlalarm im Oktober 2015 miterlebt hatte. Daher reagierte auch ein anderer aus der Gruppe eher abgehärtet: „Immerhin fällt jetzt Spanisch aus.“

Letzte Zweifel ausräumen

Obwohl die Polizei die Absperrungen immer mehr ausweitete, konnte man noch aus der Distanz sehen, wie das SEK – mindestens 50 Personen stark und mit schweren Waffen – gegen halb zwei die Schule stürmte, um die Zimmer zu durchsuchen. So sollten letzte Zweifel an dem falschen Alarm ausgeräumt werden.

Danach gab ein Polizeisprecher am Kornhausplatz offiziell Entwarnung und richtete seine Worte vor allem an die vielen besorgten Eltern, die zur Schule gekommen waren. Darunter auch eine Mutter aus Weißenhorn, deren 19-jährige Tochter ihren ersten Tag an der Berufsschule im Rahmen der Ausbildung zur Kauffrau Büromanagement hatte. Auch sie hatte ihr eine Handynachricht geschickt, mit der Botschaft: „Ich habe Angst.“

Viele hinzugeeilte Mütter waren beim Warten den Tränen nahe, vor allem aber als dann gegen 14.15 Uhr die Schultüren aufgingen und die Schüler nach und nach herauskamen und zumeist über den Platz in Richtung Volkshochschule und Kornhaus gingen.

Bei der vh hatte auch der Rettungsdienst eine Station aufgebaut. Am Kornhaus umarmte die Mutter von Birkan (18) ihren Sohn. Er sagte: „Wir hatten Angst.“ Anscheinend hatten viele keinen zweiten technischen Defekt für möglich gehalten und an einen echten Amoklauf geglaubt. Das Klassenzimmer wurde von der Lehrerin abgeschlossen und zusätzlich von innen verbarrikadiert. Nach der Durchsage mit dem Fehlalarm kam bei allen Erleichterung auf. In der Klasse von Iva (16) schien die Gefahr plötzlich sehr real: „Jemand war an der Tür.“ Die List-Schüler saßen teils zum Schutz unter den Tischen. Anyla (15) wirkte zwar nach dem Verlassen der Schule cool, sagte aber. „Viele Mädchen hatten Angst.“ Sie hatte gestern erst ihren zweiten Schultag.

Von Seiten der Rettungskräfte machte Notfallarzt Dr. Alexander Dinse von der Uni klar: „Es gab keine körperlich Verletzten.“ Er habe jedoch zudem die Notfallseelsorge hinzugezogen. Die Polizei drängte dann das Publikum am Schulplatz zurück.

Was (oder wer) den Alarm ausgelöst hatte, konnte der  Polizeisprecher nicht sagen. Es deute aber vieles auf einen technischen Defekt hin. Er bestätigte, dass es sich um einen „automatisierten Alarm“ gehandelt habe. „In so einem Fall läuft bei uns immer das ganz große Programm ab.“ Seit dem Amoklauf von Winnenden im Jahr 2009 mit 15 Toten wolle die Polizei bundesweit kein Risiko eingehen.

Nerven liegen blank

Auch bei einigen, die nur am Rande vom Einsatz in Mitleidenschaft gezogen wurden, lagen die Nerven blank. So zeigten Autofahrer wenig Verständnis dafür, dass sie ihr in der Kornhaus-Tiefgarage geparktes Auto nicht herausfahren konnten. Ein Geschäftsmann sagte, er werde der Polizei den Strafzettel schicken. Andere versuchten ihre Autos durch die Pfluggasse gegen die Einbahnstraße aus der Einsatzzone herauszumanövrieren. Zufällig kamen auch Alt-OB Ivo Gönner und der frühere Baubürgermeister Alexander Wetzig vorbei und erkundigten sich nach dem Stand des Einsatzes.

Die SEK-Fahrzeuge hatten vor allem die Anfahrt über das Hafenbad gewählt, von hier aus fuhren die Beamten – immer noch mit Sturmmaske zur Anonymisierung – dann schließlich wieder ab.

Kommentar, Seite 18

Völlig richtig reagiert

Haben die Sicherheitsbehörden überzogen reagiert? War das alles eine Nummer zu groß? Nach dem in dieser Dimension bis dato vermutlich einmaligen Anti-Amok-Einsatz an einer Ulmer Schule darf man diese Frage stellen. Schließlich gab es an der List-Schule schon vor zwei Jahren einen durch technisches Malheur bedingten Fehlalarm, ebenso im Sommer am Schulzentrum Wiblingen. Auch gestern fehlte ein konkretes Bedrohungsszenario, wie die gelassenen Reaktionen derjenigen Schüler zeigten, die kurz nach dem Alarm noch aus der Schule rauskamen und so der verordneten Verbarrikadierung entgingen – die erst bei vielen Schülern Panik aufkommen ließ. Keine Spur von einem Täter oder einer Waffe, nur ein automatisch angesprungener Alarm.

Allen, die es schon immer besser wussten, sei ins Stammbuch geschrieben: Die Reaktion der Polizei war richtig. Amokläufe an Schulen sind in Deutschland traurige Realität geworden. Beim geringsten Indiz alles Erdenkliche zu unternehmen, um Schüler und Lehrer zu schützen, sollte deshalb eine nicht zu hinterfragende Selbstverständlichkeit sein. Die Polizei hat gezeigt, dass die Sicherheitskette wie am Schnürchen funktioniert, wenn es drauf ankommt. Irgendwie beruhigend, trotz des Riesenauflaufs. Nachgebessert werden muss trotzdem: am chronisch schwächelnden Alarmanlagensystem.

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